germanische Mythologie und Religion.


germanische Mythologie und Religion.
germanische Mythologie und Religion.
 
Die Zeugnisse für die Religion und Mythologie im vorgeschichtlichen Mittel- und Nordeuropa erstrecken sich im weitesten Sinne über einen Zeitraum von mehr als 2 000 Jahren: die ältesten sind (vorgermanische) bronzezeitliche Felsritzungen in der schwedischen Landschaft Bohuslän und der Sonnenwagen von Trundholm (um 14./13. Jahrhundert v. Chr.). Zu den spärlichen Zeugnissen germanischer Kultübungen gehören die nordischen Mooropfer der jüngeren Kaiserzeit und Völkerwanderungszeit. Älteste schriftliche Quellen über die vielgestaltigen religiösen Kulte der Germanen lieferten antike Autoren, v. a. Tacitus und Plutarch (um 100 n. Chr.); es folgten römerzeitliche Inschriften auf Votivsteinen aus der Rheingegend und aus England, Runendenkmäler aus dem 3.-11. Jahrhundert, spärliche dichterische Texte aus der westgermanischen Christianisierungszeit (6.-9. Jahrhundert), die altenglischen Hexenstichsegen und Flursegen, die althochdeutschen Merseburger Zaubersprüche, dazu kirchliche Literatur, wie die Geschichte der Hamburg. Kirche Adams von Bremen (zwischen 1072 und 1076), die einen Einblick in die heidnische Kultur des skandinavischen Missionsgebietes gibt, ferner Heiligenviten und Taufgelöbnisse; bis heute lebendig geblieben sind Volksbräuche (Drachenkampfspiele u. a.), die an vorchristliche Zeit erinnern, Ortsnamen, besonders in England und Skandinavien, verweisen auf Kultstätten und Götterverehrung. Ausführlichere Zeugnisse gibt es nur zu den nordgermanischen Mythen: Die in der Edda gesammelten Texte lassen Zusammenhänge und eine Kosmologie erkennen, wenn auch hier schon christliche Interpretation eine Rolle spielt, in die Sagas und in die Skaldendichtung sind gleichfalls germanische religiöse Vorstellungen eingeflossen. Versuche zur Rekonstruktion einer gemeinsamen germanischen Mythologie und Religion bleiben hypothetisch.
 
Tacitus beschreibt einen Fruchtbarkeitskult jütischer Germanen, auch scheint die nordische Götterfamilie der Vanen mit den Vorstellungen einer Fruchtbarkeitsreligion in Verbindung gestanden zu haben, und im eddischen »Skirnirlied« wird möglicherweise eine »heilige Hochzeit« zwischen Himmelsgott und Mutter Erde behandelt. Die Dominanz der wohl aus dem Ahnenkult erwachsenen nordischen Götterfamilie der Asen zeigt indessen, dass im Laufe der Zeit eine Hinwendung zu Vergeistigung, Zauber und zum Aspekt des Kriegerischen stattfand. Bei Tacitus sind (unter Zuhilfenahme römischer Götternamen) die Namen der germanischen Hauptgötter überliefert, die in ihrer Mehrzahl der Familie der Asen entstammen. So entspricht Odin (Wodan) dem Merkur, Týr (Ziu) dem Mars, Donar dem Jupiter, Frigg der Venus, Nerthus (Njörd) der Erdmutter (Terra Mater). Weitere Gestalten der nordischen Götterwelt sind Freyja, Freyr, Baldr und Loki. Außer Göttern kennt die germanische Mythologie noch Alfen (Elfen), Disen (Fruchtbarkeitswesen), Riesen, Zwerge und Wasserwesen.
 
Von Weltschöpfung und -ende erzählt das »Völuspá«-Lied der älteren Edda: Die Götter entstehen aus kosmischen Gegensätzen und schaffen zuerst den Riesen Ymir, aus seinen Gliedmaßen die geordnete Welt (Midgard) und das erste Menschenpaar (Askr und Embla). Der Krieg zwischen Vanen und Asen, die Heimtücke Lokis führen schließlich das Weltende herbei, Götter und Menschen gehen in der endzeitlichen Schlacht (Ragnarök) unter. Der Tod des guten Lichtgottes Baldr, der verbunden ist mit der Hoffnung auf eine nach der Katastrophe entstehende neue Erde, weist vermutlich auf christliche Einflüsse.
 
Der Kult wurde im Familienkreis vom Hausvater, sonst von den politischen Führern vollzogen. Die wichtigste Handlung hierbei war die Tötung eines Opfertieres (gelegentlich auch eines Menschen) mit anschließendem Opfermahl. Die Riten fanden in heiligen Hainen statt, Tempelbauten sind erst aus nachrömischer Zeit bekannt (Adam von Bremen berichtet von einem Tempel in Altuppsala mit den Standbildern Odins, Thors und Freyrs). Neben dem Kult war auch das Einhalten sittlicher Pflichten den Göttern gegenüber von Bedeutung. Die individuellen Jenseitserwartungen waren verschieden, am verbreitetsten war wohl die Perspektive eines Weiterlebens in einer anderen Welt - in der Walhall, dem Kriegerhimmel, oder in der Unterwelt Hel.
 
 
Christliche Gemeinden sollen nach der Legende bereits am Ausgang des 1. Jahrhunderts an Rhein und Mosel bestanden haben; dies ist sicher unrichtig. Historisch bezeugt ist um 258 ein Eucharius als Bischof von Trier; damit werden die Aussagen von Irenäus und Tertullian bestätigt, die am Ende des 2. Jahrhunderts von christlichen Gemeinden in Germanien sprechen. Wahrscheinlich bestanden sie vorwiegend aus römischen Bürgern; nach neueren germanistischen Untersuchungen ist jedoch ein christlicher Einfluss auf die deutsche Sprache schon vor der fränkischen Epoche anzunehmen. Die eigentliche Geschichte des Christentums unter den Germanen beginnt im Donauraum: Schon 325 ist ein Bischof Theophilus »aus Gothien« bezeugt. Entscheidende Wirkungen gingen von dem 341 zum Bischof geweihten Wulfila aus. Die Mission der Goten unter den übrigen Germanenstämmen verlief rasch und erfolgreich: Die Germanen der Völkerwanderung waren ganz oder überwiegend Christen. Dieses »arianische« und zudem national bestimmte Christentum stand jedoch in (zum Teil kämpferischer) Gegensatz zum Glauben der römischen Bevölkerung. Die Christianisierung der Germanen begann erneut von Gallien aus, das seit dem Ausgang des 4. Jahrhunderts von den Franken erobert wurde. Nach dem Vorbild Chlodwigs schlossen sich diese der katholischen Kirche des Landes an. Andere (wenn auch nicht alle) Germanenreiche folgten. Zwar missionierten Franken unter den germanischen Stämmen östlich des Rheins, doch wurde erst durch die Einwirkung irischer und angelsächsischer Sendboten (Columban, Wilfrith, Willibrord, Bonifatius u. a.) eine weiterwirkende Mission durch die fränkische Kirche möglich. Von Gewaltanwendung wurde hierbei - entgegen früher weit verbreiteten Behauptungen - bis zum Ende des 8. Jahrhunderts abgesehen. Diese setzte erst mit den Sachsenkriegen Karls des Großen (seit 772) ein.
 
Die Christianisierung des Nordens begann im 9. Jahrhundert (Ansgar) und war Anfang des 11. Jahrhunderts abgeschlossen. Auf Island wurde das Christentum im Jahre 1000 auf Beschluss des Althings (Ding) offiziell eingeführt.
 
 
R. L. M. Derolez: Götter u. Mythen der Germanen (a. d. Niederländ., 1963);
 G. Turville-Petre: Myth and religion of the North (London 1964);
 J. de Vries: Altgerman. Religionsgesch., 2 Bde. (31970);
 W. Grønbech: Kultur u. Religion der Germanen, 2 Bde. (a. d. Dän. u. Engl., 111991);
 R. Simek: Lex. der german. Mythologie (21995).
 
Hier finden Sie in Überblicksartikeln weiterführende Informationen:
 
Germanen: Unterwegs zu höherer Zivilisation
 
germanische Religion und Mythologie: Asen und Vanen, Asgard und Midgard
 

Universal-Lexikon. 2012.

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